Das ist ein Beitrag nach einem Tag Braunkohlerevier. Nach einem Tag mit dem Fahrrad über Landstraßen, Wege an Landstraßen, Feldwege, Schotterwege, Dörfer, Landstriche, Fahrradschutzstreifen fahren. Nach mehrstündigem Warten an Bahnhöfen auf verspätete Züge die mich wieder zurückbringen können.

Ich war am Sonntag in den Revieren. Den laufenden. Den bereits vollständig ausgebeuteten. Und ich habe bei meinen Anblicken einen deftigen Schlag in die Magengrube gespürt.


Gescheiterter Tagesablauf in kurz.

Das ist kein regulärer #EndeGelände-Beitrag. Ich war, je nach Perspektive, vermutlich kein Teil der Aktion. Ich hatte nicht geplant hinzufahren; ich hatte keine Bezugsgruppe und konnte mich nicht über den gesamten Zeitraum aufopfern. Am Freitag lief ich nicht in Aachen auf dem Demo-Zug mit, sondern saß in Dortmund auf dem Kirchentag als Freiwilliger mit Bürger*innen und Politiker*innen am Tisch. Am Samstag war ich gesundheitlich nicht fit und willig genug um rüberzufahren. In der Nacht auf Sonntag hat es mich gepackt.

Sonntagfrüh bin ich los. Von Maastricht bis Herzogenrath mit dem Zug, ab da mit dem Fahrrad. Zug- und Fahrradkarte in NRW? Schienen mir unnötig teuer; bis Herzogenrath ging mein Fahrrad noch kostenlos mit. Meinen Ausweis hatte ich dabei; ich habe beschlossen meine Identität im Falle der Feststellung anzugeben. Ich hatte geplant, von Herzogenrath aus direkt in Richtung Garzweiler aufzubrechen. Dort auf einen Finger, Aktivist*innen, Aktive am Grubenrand zu treffen. Doch ich habe unterschätzt wie riesig die Dimensionen des Braunkohlereviers sind. Und wie ungeeignet die Wege für Radfahrer*innen sind.

Und ich werde ehrlich sein: Als ich in Jackerath und am Skywalk ankam waren außer einem Dutzend Polizeiwägen auf den Straßen in der Umgebung und ein paar Touris niemand mehr da. Wäre ich irgendwie auf das Garzweilergelände gelangt, was ich bestimmt nicht getan habe denn es wäre ja illegal gewesen, weil es verboten ist, hätte ich auch da niemanden angetroffen. Als ich vor dem Kraftwerk in Neurath und über der Nord-Süd-Bahn stand, war niemand mehr da – außer einem weiteren Dutzend Polizeiwägen. Ich war gescheitert. Auf dem Rückweg mit der Bahn ab Grevenbroich sammelte ich 2h Verspätung ein, verbrachte davon 1h wartend in Viersen.


Vielleicht habe ich trotzdem etwas gelernt.

Einzelne sind vollkommen ohnmächtig. Und das wird nie jemand begreifen der nicht selbst einmal zu Fuß oder mit Fahrrad, mit eigener Muskelkraft durch die Reviere fährt. Dieses System der industriellen Zerstörung unseres Planeten aufzuhalten, scheint unmöglich.

Der Schaden, den RWE trägt ist ein Witz. Es ist ein verheißungsvolles Wunder, dass Ende Gelände es schafft so viel Medienaufmerksamkeit auf sich zu ziehen, auch wenn am Ende unser Protest und Aktivismus aus vielen einzelnen sehr kleinen Punkten besteht, die in der Gesamtmaschinerie der Kohle- und Planetenausbeutung gar nicht mehr auffallen. Wer glaubt, dass Ende Gelände mit ihrer Aktion einen Konzern ruinieren, den kann ich nach dieser Fahrt nur herzhaft auslachen.

RWE hat über-staatliche Macht: Sowohl weil dieser Konzern omnipräsent scheint und dessen Logo gefühlt auf mehr Dingen haftet als ich Straßenschilder gesehen habe, als auch weil RWE scheinbar über den Einsatz von staatlichen Mitteln wie Polizist*innen frei verfügen kann. Die systematische Macht die von den Konzernspitzen ausgeübt wird ist erschreckend und sollte in einer gesunden Demokratie nicht auftauchen.

Arbeitnehmer*innen fühlen sich nicht ausreichend ernst genommen. Ich habe im allgemeinen großen Respekt vor zivilgesellschaftlichen Akteur*innen. Das gilt auch für Verdi, die mit Plakaten am Kraftwerk Neurath von strukturellem Aussterben sprechen sobald die Kohle weg wäre. Ein Blick auf Positionen und Papiere im Nachhinein überrascht und zeigt: Ja, auch verdi blickt besonnenen Mutes dem Strukturwandel entgegen. Aber es ist unbegreiflich warum eine Landesregierung nach der anderen in Nordrhein-Westfalen momentan alles dafür zu tun scheint, den Strukturwandel so lange wie möglich zu verschieben statt ihn jetzt schlagkräftig und überzeugend zu gestalten.


Vielleicht irgendwie hilfreich.

Was ich beigetragen habe? Ich weiß es nicht. Vielleicht gar nichts. Vielleicht habe ich zumindest die Polizist*innen am und um den Garzweiler mit T-Shirt und Fahnen misstrauisch genug gemacht und beschäftigt genug gehalten dass sie nicht auch noch beim Räumen helfen konnten. Ich habe auch noch ein bisschen mehr gelernt – über mich selbst, über Fahrtkosten-verschlingendes Engagement, über die Notwendigkeit von motorisiertem Individualverkehr auf dem Land, über die Nützlichkeit von Wäldern oder auch, dass ein Dorf das meinen Namen trug 1982 dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Doch am wichtigsten: Vielleicht öffnen meine Erkenntnisse zumindest irgendjemandem meiner Freund*innen in SPD, Union oder FDP die Augen. Vielleicht überzeugen sie Andere, das nächste Mal mitzumachen.

Denn jetzt: Bitte sprecht mit mir und kritisiert mich – viele Jahre meines Lebens machte ja auch ich nicht mit. Nachdem ich einen Tag allein im geographischen Umfeld der Aktion unterwegs war kann ich nicht anders als es voll und ganz zu verteidigen.


Unausweichliches Fazit.

Klimakrise eindämmen bleibt Handarbeit. Jetzt noch von harmlosem „Klimawandel“ zu sprechen ist rücksichtslos. Ein Verursacher von globaler Erwärmung und damit auch Toten, Vertriebenen, Verhungernden und Verdurstenden Menschen jetzt und in der Zukunft ist RWE im Braunkohlerevier, und deren fortwährende Belohnung durch sozialdemokratische, konservative und liberale Politiker. Diesem System stellen wir entschlossen und ohne Gewalt unsere Körper in den Weg. Und wenn die Kohlekraftwerke auch nur eine Minute früher abgeschaltet werden, wenn dadurch der Tod auch nur eines einzigen Menschen verhindert werden kann, nehme ich eure Strafanzeige willig in Kauf.



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